
Hufrehe im Frühjahr vorbeugen: Was du jetzt über Gras, Zucker und Hufschutz wissen musst
Zu den wichtigsten Aufgaben von Pferdebesitzern gehört es, im Frühjahr Hufrehe vorzubeugen. Noch vor wenigen Wochen stand das Pferd ruhig auf der Winterkoppel, fraß sein Heu und lief problemlos. Dann kommt der erste richtig warme Apriltag, die Weide lockt und Sie freuen sich auf die neue Saison. Doch zwei Tage später lahmt das Pferd. Die Hufe fühlen sich warm an, der Puls an der Zehenarterie ist spürbar und die Haltung ist angespannt. Was wie ein Unglück aus dem Nichts wirkt, hat oft einen ganz klaren Auslöser: das frische Gras.
Frühjahrsgras ist zuckerreicher, als die meisten Pferdebesitzer ahnen. Genau das macht es in den ersten Wochen der Weidesaison so riskant. In diesem Ratgeber erfahren Sie, warum das so ist, welche Pferde besonders gefährdet sind, wie Sie Frühwarnsignale erkennen und wie Sie Ihr Pferd sicher durch die Frühjahrssaison bringen.
Was ist Hufrehe – und wie entsteht sie?
Bei Hufrehe handelt es sich um eine Entzündung der Huflederhaut, die durch eine gestörte Durchblutung im Huf verursacht wird. Die Huflederhaut verbindet das Hufbein mit der Hornkapsel und versorgt beide über ein feines Netz kleiner Blutgefäße. Gerät dieser Blutfluss aus dem Gleichgewicht, schwillt das Gewebe an. Da die Hornkapsel keinen Platz zum Nachgeben hat, entsteht ein enormer Druckschmerz. Im schlimmsten Fall kann sich das Hufbein abdrehen und die Hufsohle durchbrechen.
Zwischen akuter und chronischer Hufrehe besteht ein wichtiger Unterschied. Die akute Hufrehe tritt plötzlich auf und stellt einen medizinischen Notfall dar. Chronische Hufrehe entwickelt sich dagegen schleichend aus wiederholten oder nicht vollständig ausgeheilten akuten Episoden. Langfristig führt sie zu bleibenden Veränderungen am Hufbein und an der Hornkapsel.
Die häufigsten Auslöser sind Fütterungsfehler (vor allem ein zu hoher Zucker- und Stärkegehalt in der Ration), Überbelastung einzelner Beine, bestimmte Medikamente wie Kortikosteroide sowie hormonelle Erkrankungen. Im Frühjahr ist jedoch die Weidehaltung der mit Abstand häufigste Risikofaktor – und der am leichtesten beeinflussbare.
Warum Frühjahrsgras beim Pferd Hufrehe auslösen kann
Die Antwort liegt in der Pflanze selbst. Gräser speichern überschüssige Energie in Form von nicht-strukturellen Kohlenhydraten, kurz NSC. Dazu zählen einfache Zucker wie Fruktose und Glukose sowie Fruktane, eine besondere Form von Reservekohlenhydraten. Während der Wintermonate sind diese Werte niedrig. Im Frühjahr schießen sie in die Höhe.
Zuckergehalt im Gras: Warum der Zeitpunkt des Weidegangs entscheidet
Der NSC-Gehalt im Gras schwankt stark im Tagesverlauf. Morgens – noch bevor die Sonne die Photosynthese ankurbelt – ist er am niedrigsten. Im Laufe des Tages steigt er an und erreicht am Nachmittag seinen Höchstwert. Für Risikopferde bedeutet das: Weidegang früh morgens ist verträglicher als am Nachmittag. Wer sein Pferd um 14 Uhr auf die erste Frühjahrskoppel schickt, trifft genau die ungünstigste Tageszeit.

Die Kombination aus kühlen Nächten und sonnigen Tagen führt zu einem hohen Zuckergehalt im Gras. Das Gras produziert tagsüber durch Photosynthese reichlich Zucker, kann diesen bei niedrigen Temperaturen nachts aber nicht vollständig veratmen. Er bleibt im Halm gespeichert. Genau das ist typisch für das Aprilwetter in Deutschland – und genau deshalb sind April und Mai die kritischsten Monate des Jahres.
Welche Pferde besonders gefährdet sind
Grundsätzlich kann jedes Pferd an Hufrehe erkranken. Bestimmte Gruppen tragen jedoch ein deutlich erhöhtes Risiko:
Risikogruppe | Grund der erhöhten Gefährdung | Empfohlene Vorsichtsmaßnahme |
|---|---|---|
Ponys & Kleinpferde | Evolutionär an karge Weiden angepasst, reagieren empfindlich auf energiereiches Gras | Stark eingeschränkter Weidegang, Weidekorb |
Pferde mit EMS (Equines Metabolisches Syndrom) | Gestörte Insulinreaktion auf Zucker und Stärke | Weidekorb oder Heunetz, kaum Weide im Frühjahr |
Pferde mit PPID / Cushing | Hormonelle Dysregulation erhöht Anfälligkeit für Stoffwechselprobleme | Tierärztliche Begleitung, strenge Futterkontrolle |
Übergewichtige Pferde | Höhere Insulinresistenz, belastete Hufe durch Körpergewicht | Gewichtsreduktion vor Weidesaison anstreben |
Ältere Pferde ab 15 Jahren | Höheres PPID-Risiko, nachlassende Stoffwechselregulation | Regelmäßige Blutuntersuchung, Futteranpassung |
Frühwarnsignale erkennen: Was das Pferd Ihnen zeigt
Hufrehe kündigt sich an. Wer die Zeichen kennt, kann frühzeitig handeln und Schlimmeres verhindern. Das Problem ist jedoch, dass viele dieser Signale anfangs als vorübergehende Steifheit oder Müdigkeit fehlgedeutet werden.
Körperliche Anzeichen einer beginnenden Hufrehe
Das klassische Bild der akuten Hufrehe ist die sogenannte Entlastungshaltung: Das Pferd stellt die Vorderbeine weit nach vorne und verlagert sein Gewicht auf die Hinterhand, um den Druck auf die schmerzenden Vorderhufe zu reduzieren. Gleichzeitig fühlen sich die betroffenen Hufe warm oder sogar heiß an. An der gut tastbaren Zehenarterie an der Innenseite des Fesselkopfes ist ein verstärkter, pochender Puls spürbar. Auf hartem Untergrund bewegt sich das Tier steif, auf weichem Boden ist es deutlich agiler.
Verhaltensänderungen, die auf Schmerz hinweisen
Neben den körperlichen Zeichen verändert sich das Verhalten. Ein Pferd, das ungerne aufsteht, beim Auftreten sichtlich zögert, sich häufig hinlegt oder auf weichem Boden auffällig trippelt, zeigt Schmerzsignale, die ernst genommen werden müssen. Widersetzlichkeit beim Longieren oder Reiten ohne erkennbaren anderen Grund kann ebenfalls auf Hufschmerzen hinweisen.
Weidestrategie im Frühjahr: So gewöhnen Sie Ihr Pferd sicher ans Gras
Die wichtigste Maßnahme, um frühjahrsbedingte Hufrehe zu verhindern, ist eine kontrollierte, schrittweise Eingewöhnung an die Weide. Pferde, die über Winter ausschließlich Heu gefressen haben, sind nicht auf den plötzlichen Energieschub durch zuckerreiches Frühjahrsgras vorbereitet, da weder ihr Verdauungstrakt noch ihr Stoffwechsel darauf eingestellt sind.
Heu sollte daher während der gesamten Eingewöhnungsphase die Grundlage der Fütterung bleiben. Es wäre ein Fehler, Heu abrupt zu reduzieren, nur weil das Pferd nun auch Gras frisst. Strukturreiches Raufutter stabilisiert den Verdauungstrakt und verlangsamt die Aufnahme von Zucker.

Weidekorb und Grasgitter: sinnvolle Hilfsmittel für Risikopferde
Für Ponys, EMS-Pferde und andere Risikopferde ist ein Weidekorb eine der wirkungsvollsten Maßnahmen. Der Korb wird am Halfter befestigt und verhindert, dass das Pferd zu tief ins Gras greifen kann. Es kann sich trotzdem bewegen, soziale Kontakte pflegen und frische Luft schnappen, nimmt aber deutlich weniger Gras auf. Alternativ oder ergänzend bieten sich stark abgegraste Koppeln oder das Aufstellen von Elektrozäunen an, die den Zugang zur üppigsten Grasfläche beschränken.
Fütterungshinweise bei erhöhtem Risiko
Bei Pferden mit bekanntem EMS oder Cushing empfiehlt sich außerdem eine Anpassung der Grundfütterung. Zuckerbeschränkte Heusorten, die idealerweise analysiert wurden, und der Verzicht auf Kraftfutter mit hohem Getreideanteil sind in dieser Gruppe Standard. Ergänzungsmittel mit Magnesium können die Insulinsensitivität unterstützen, ersetzen aber keine tierärztliche Diagnose und Betreuung.
Hufschutz im Frühjahr: Was Hufpflege und Hufschuhe leisten
Hufschutz im Frühjahr bedeutet mehr als das Aufziehen eines Hufschuhs. Es beginnt mit der konsequenten Hufpflege in den Wochen vor und während der Weidesaison.
Regelmäßige Hufpflege als Basis
Der Hufschmied-Rhythmus sollte im Frühjahr konsequent eingehalten werden. Ausgewachsene Hufe, ungleichmäßige Belastungsflächen oder zu lange Zehen erhöhen die mechanische Belastung der Huflederhaut und damit das Rehe-Risiko. Vier bis sechs Wochen sind ein üblicher Richtwert für den Bearbeitungsabstand, bei empfindlichen Pferden kann eine kürzere Frequenz sinnvoll sein. Besprechen Sie das mit Ihrem Hufschmied oder Hufpfleger.
Hufschuhe: Entlastung und Schutz für empfindliche Hufe
Hufschuhe sind im Frühjahr aus zwei Gründen relevant. Erstens schützen sie empfindliche Sohlen auf steinigen oder abrasiven Untergründen. Zweitens bieten sie bei bestehender Rehe-Empfindlichkeit eine gepolsterte Auflagefläche, die den Druck auf die Huflederhaut reduziert. Moderne Hufschuhe lassen sich ohne Nägel befestigen und sind damit reversibel, schonend und für unterschiedliche Einsatzsituationen geeignet.

Bei Albenisa finden Sie eine Auswahl an Hufschuhen für Pferde, die sowohl als Freizeitschutz als auch als unterstützende Maßnahme bei erhöhter Hufempfindlichkeit eingesetzt werden können.
Vorsicht bei matschigen Koppeln
Weicher Untergrund reduziert den Druck auf die Hufe – das stimmt. Dauerhafter Schlamm und Nässe schaffen jedoch ein anderes Problem: Feuchte Bedingungen weichen das Hufhorn auf und erhöhen das Risiko für Strahlfäule und andere Infektionen. Gerade im Frühjahr, wenn Koppeln nach dem Winter noch feucht sind, lohnt es sich, trockene Standbereiche zu schaffen und die Hufe täglich auf Veränderungen zu kontrollieren.
Ergänzungsfuttermittel für den Huf: Was sinnvoll ist
Biotin ist das bekannteste Ergänzungsmittel zur Hufpflege. Es unterstützt die Hornbildung und kann die Hufhornqualität über mehrere Monate verbessern. Sinnvoll ist es vor allem bei brüchigem oder weichem Horn. Zink und Methionin (eine Aminosäure) arbeiten synergetisch mit Biotin zusammen und sind in hochwertigen Hufpflegepräparaten oft gemeinsam enthalten. Wichtig: Diese Mittel verbessern die Hufqualität langfristig, sie ersetzen jedoch keine tierärztliche Behandlung bei akuter Hufrehe und wirken nicht präventiv gegen den Zuckermechanismus.
Checkliste: Sicher durch die Frühjahrssaison
Die gute Nachricht ist: Hufrehe im Frühjahr ist in den meisten Fällen vermeidbar. Mit dem richtigen Wissen und konsequentem Handeln schützen Sie Ihr Pferd effektiv. Diese Checkliste fasst die wichtigsten Maßnahmen zusammen:

Frühjahrsgras ist keine unvermeidbare Gefahr – es ist eine beherrschbare. Wer die Mechanismen kennt, wer die Risikozeiten des Tages und des Jahres einplant, und wer konsequent auf die Signale seines Pferdes achtet, hat gute Chancen, die Weidesaison ohne Zwischenfälle zu erleben. Gerade für Pferdebesitzer, die ihr Tier gut kennen und regelmäßig beobachten, ist das kein unlösbares Problem.
Häufige Fragen zum Thema Hufrehe im Frühjahr vorbeugen
Ab wann ist Frühjahrsgras für Pferde gefährlich?
Frühjahrsgras kann bereits ab den ersten Wärmetagen im März und April problematisch werden, wenn kühle Nächte und sonnige Tage wechseln. Unter diesen Bedingungen akkumulieren Gräser besonders viel Zucker (nicht-strukturelle Kohlenhydrate), was den Insulinspiegel beim Pferd ansteigen lässt und Hufrehe auslösen kann. Das Risiko besteht bis weit in den Mai hinein und kehrt im Herbst bei ähnlichen Witterungsverhältnissen zurück.
Wie erkenne ich Hufrehe bei meinem Pferd?
Typische Anzeichen einer Hufrehe beim Pferd sind warme Hufe, ein verstärkter Puls an der Zehenarterie (tastbar am Fesselkopf), eine steife oder zögernde Gangart auf hartem Untergrund sowie die klassische Entlastungshaltung, bei der das Pferd die Vorderbeine vorschiebt und das Gewicht auf die Hinterhand verlagert. Auch häufiges Abliegen oder Unwilligkeit beim Aufstehen können Hinweise sein. Bei Verdacht sofort den Tierarzt rufen.
Welche Pferde haben das größte Hufrehe-Risiko im Frühjahr?
Besonders gefährdet sind Ponys und Kleinpferde, Pferde mit Equinem Metabolischem Syndrom (EMS), Tiere mit Cushing (PPID), übergewichtige Pferde sowie ältere Pferde ab etwa 15 Jahren. Diese Gruppen sollten beim Weidegang im Frühjahr konsequent überwacht und wenn nötig mit einem Weidekorb oder eingeschränkter Weidefläche geschützt werden. Der Begriff „Hufrehe vorbeugen" ist bei diesen Tieren keine Option, sondern Pflicht.
Helfen Hufschuhe wirklich bei der Hufrehe-Vorbeugung?
Hufschuhe können bei Pferden mit erhöhter Hufempfindlichkeit oder bestehender Rehe-Vorgeschichte sinnvoll sein. Sie reduzieren den Druck auf die Huflederhaut, schützen die Sohle auf hartem Untergrund und ermöglichen gepolsterte Auflageflächen, die den Schmerz lindern. Als alleinige Präventionsmaßnahme gegen frühjahrsbedingte Hufrehe, die durch Zucker ausgelöst wird, ersetzen sie jedoch nicht die Anpassung des Weidemanagements und der Fütterung.
Wie lange dauert die Weideeingewöhnung im Frühjahr?
Eine sichere Weideeingewöhnung dauert mindestens zwei Wochen. In den ersten drei Tagen empfehlen sich 15 bis 20 Minuten täglich, danach eine schrittweise Steigerung auf 30 bis 45 Minuten und schließlich auf ein bis zwei Stunden gegen Ende der zweiten Woche. Heu bleibt während dieser Phase die Grundlage der Fütterung. Bei Risikopferden sollte die Eingewöhnung noch langsamer erfolgen und tierärztlich begleitet werden.
Quellen
- Kenny, L. (2025). Transitioning Horses to Spring Grazing. Penn State Extension. extension.psu.edu
- Skelly, C., Ph.D. (2021). Grazing Spring Pastures. My Horse University, Michigan State University. myhorseuniversity.com
Zeitempfehlungen zur Weideeingewöhnung basieren auf institutionellen Empfehlungen, nicht auf kontrollierten klinischen Studien. Bei Risikopferden Rücksprache mit dem Tierarzt empfohlen.
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